Buchrezension „Die Frau als Mensch: Schamaninnen“ von Ulli Lust

Mit Die Frau als Mensch: Schamaninnen setzt Ulli Lust ihre Graphic-Novel-Reihe Die Frau als Mensch fort und widmet sich im zweiten Band dem Leben der Menschen in der Eiszeit. Im Mittelpunkt stehen dabei die sozialen, kulturellen und religiösen Strukturen altsteinzeitlicher Gemeinschaften sowie insbesondere die Rolle von Frauen innerhalb dieser Gesellschaften. Ausgangspunkt der Erzählung ist unter anderem die berühmte „Venus vom Willendorf“, deren ursprüngliche Funktion und Bedeutung bis heute nicht eindeutig geklärt sind. Lust entwickelt auf dieser Grundlage eine mögliche Entstehungsgeschichte der Figur und verbindet sie mit einer umfassenderen Auseinandersetzung mit der Lebenswelt der Menschen vor rund 30.000 Jahren.

Die Graphic-Novel zeichnet sich durch drei miteinander verbundene Erzählebenen aus. Im Zentrum steht die fiktionale Darstellung des Alltags eiszeitlicher Nomadinnen und Nomaden in Mitteleuropa. Ergänzt wird diese historische Ebene durch autobiografische Passagen, in denen Lust persönliche Erfahrungen und humorvolle Beobachtungen einfließen lässt. Eine dritte Ebene ist stärker sachorientiert und widmet sich archäologischen und kunsthistorischen Fragen. Anhand von Figurinen, Höhlenmalereien und weiteren Zeugnissen altsteinzeitlicher Kunst untersucht die Autorin, welche Rückschlüsse sich daraus auf die Lebensbedingungen und Weltvorstellungen früher menschlicher Gemeinschaften ziehen lassen. Die unterschiedlichen Erzählformen erzeugen dabei ein Wechselspiel zwischen persönlicher Perspektive, wissenschaftlicher Information und historischer Imagination.

Ein wesentlicher Schwerpunkt des Bandes liegt auf der gesellschaftlichen Organisation der eiszeitlichen Gemeinschaften. Lust stellt die Vorstellung infrage, hierarchische Strukturen seien eine universelle oder naturgegebene Form menschlichen Zusammenlebens. Stattdessen thematisiert sie egalitär organisierte Gesellschaften, in denen soziale Unterschiede offenbar eine andere Bedeutung besaßen als in späteren hierarchischen Ordnungen. Die lange Dauer solcher Lebensformen eröffnet zugleich eine historische Perspektive auf gegenwärtige gesellschaftliche Strukturen: Was heute häufig als selbstverständlich oder „natürlich“ erscheint, ist aus dieser Perspektive lediglich eine von mehreren möglichen Formen menschlicher Organisation.

Auch nehmen Rituale einen zentralen Stellenwert ein. Sie werden als wesentlicher Bestandteil des sozialen Lebens dargestellt und stehen in engem Zusammenhang mit den religiösen beziehungsweise animistischen Vorstellungen der dargestellten Gemeinschaften. Besondere Aufmerksamkeit widmet Lust dabei den Schamaninnen. Deren mögliche Funktionen innerhalb der Gemeinschaften eröffnen eine Perspektive auf weibliche Handlungsmacht, die sich deutlich von traditionellen Darstellungen prähistorischer Gesellschaften unterscheidet. Frauen erscheinen nicht als passive Figuren innerhalb einer von Männern dominierten Welt, sondern als aktive Trägerinnen von Wissen, sozialen Funktionen und kultureller Praxis.

Für ihre Darstellung greift Lust auf archäologische Forschung, steinzeitliche Kunst und vergleichende anthropologische Studien zurück. Auffällig ist dabei ihr Interesse an Parallelen zwischen unterschiedlichen Kulturen und historischen Kontexten. Solche Vergleiche ermöglichen es ihr, die Handlungsmöglichkeiten früher Gesellschaften aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Zugleich macht die Graphic Novel deutlich, dass Aussagen über die Altsteinzeit immer mit Unsicherheiten verbunden sind. Die schriftlose Überlieferung lässt nur begrenzte Rückschlüsse auf soziale Strukturen, Rituale oder individuelle Lebensgeschichten zu. Auch die Rekonstruktion egalitärer Gesellschaften und die herausgehobene Bedeutung von Frauen lassen sich aufgrund der fragmentarischen Quellenlage nicht ohne Weiteres als gesicherte historische Realität verstehen. Darüber hinaus müssen kulturvergleichende Parallelen mit Vorsicht interpretiert werden, da unterschiedliche Gesellschaften nicht ohne Weiteres miteinander gleichgesetzt werden können.

Die Frau als Mensch: Schamaninnen überzeugt damit vor allem durch die Verbindung unterschiedlicher Perspektiven. Ulli Lust verbindet archäologische Erkenntnisse, anthropologische Fragestellungen, persönliche Beobachtungen und fiktionales Erzählen zu einer eigenständigen Auseinandersetzung mit der menschlichen Frühgeschichte. Dabei gelingt es ihr, Frauen aus der Steinzeit jenseits vereinfachender Klischees darzustellen, ohne die männlichen Mitglieder dieser Gemeinschaften abzuwerten.

Der zweite Band führt somit die Grundidee der Reihe konsequent weiter: Die Beschäftigung mit der Vergangenheit wird zu einer Möglichkeit, gegenwärtige Vorstellungen von Gesellschaft und Geschlecht kritisch zu betrachten.

„Die Frau als Mensch: Schamaninnen“ Ulli Lust

Verlag: Reprodukt

ISBN 978-3-95640-494-8

Hardcover; 304 Seiten

Preis: 29,00 Euro

Rezension Teil 1 „Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte“

Beitragsbild: Cover „Die Frau als Mensch: Schamaninnen“ © Reprodukt

Buchcover mit einer stilisierten Venusfigur vor einem Mammut und weiteren Tieren in einer wolkigen Landschaft, Titel 'Die Frau als Menschen Schamaninnen'
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